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Material anlegen in SAP S/4HANA — Schritt für Schritt zum Materialstammsatz

MBAutor: Mario Bahunek — SAP-zertifizierter Trainer
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Ein neues Produkt soll ins Sortiment — und bevor irgendjemand bestellen, lagern oder verkaufen kann, braucht es einen Materialstammsatz. Das Anlegen eines Materials ist eine der grundlegendsten Tätigkeiten in der Materialwirtschaft, und die SAP MM Anwenderzertifizierung (UC_MM_S42023) fragt den Ablauf mit Vorliebe ab: Was steuert die Materialart? Müssen alle Sichten sofort angelegt werden? Und warum erweiterst du ein Material mit "anlegen" statt mit "ändern"?

Bildfolge beim Anlegen eines Materialstammsatzes in SAP S/4HANA: Einstiegsbild mit Materialart und Branche, Sichtenauswahl, Organisationsebenen, Datenbilder
Die Standardbildfolge beim Anlegen eines Materialstammsatzes.

Dieser Artikel ist das praktische Gegenstück zum Grundlagenartikel über Materialstammdaten und ihre Sichten: Dort findest du das Konzept, hier den kompletten Anlege-Prozess — Schritt für Schritt, mit einem durchgespielten Beispiel und den Prüfungsfallen an jeder Station. Du lernst:

  • welche drei Entscheidungen du auf dem Einstiegsbild triffst — und warum eine davon endgültig ist
  • was der Pflegestatus mit der Sichtenauswahl zu tun hat
  • welche Daten auf Mandanten-, Werks- und Lagerortebene liegen
  • wie du ein Material um neue Sichten oder ein weiteres Werk erweiterst
  • welche Materialart zu welchem Material passt — von Rohstoff bis Nichtlagermaterial
  • wie du die Stammdatenpflege mit Profilen, Vorlagen und Massenänderung beschleunigst

Vor dem ersten Klick: Materialart, Branche, Materialnummer

Auf dem Einstiegsbild der Anlege-Transaktion triffst du drei Entscheidungen, die den gesamten Stammsatz prägen:

Die Materialart ist der wichtigste Steuerhebel. Sie bestimmt unter anderem:

  • die Art der Nummernvergabe (intern durch das System oder extern durch dich) samt zulässigem Nummernkreisintervall
  • welche Sichten zum Erfassen vorgeschlagen werden
  • die zulässige Beschaffungsart — eigengefertigt, fremdbezogen oder beides
  • zusammen mit dem Werk, ob der Bestand mengen- und/oder wertmäßig geführt wird
  • welche Bewertungsklassen in der Buchhaltungssicht zulässig sind — und damit die Kontenfindung

Die Branche (z. B. Maschinenbau oder Lebensmittel) steuert, welche Datenbilder in welcher Reihenfolge erscheinen und welche branchenspezifischen Felder darauf angezeigt werden. Der entscheidende Unterschied zur Materialart: Die Branche kann nach dem Anlegen nicht mehr geändert werden. Ein Klassiker unter den Prüfungsfragen.

Die Materialnummer gibst du nur bei externer Nummernvergabe selbst ein — sie darf dann aus Buchstaben und Ziffern bestehen, ist aber in der Länge begrenzt. Bei interner Nummernvergabe lässt du das Feld leer und das System zieht die nächste Nummer aus dem Intervall.

Schritt 1: App "Material anlegen" starten

Im Fiori Launchpad findest du in der Kachelgruppe "Materialstamm" die Apps Material anlegen, Material ändern, Material anzeigen und Änderungsbelege anzeigen. Im klassischen GUI erledigt das die Transaktion MM01 (Material anlegen) bzw. MM02 (ändern). Auf dem Einstiegsbild erfasst du Materialnummer (bei externer Vergabe), Branche und Materialart.

Praktisch: Über das Vorlagefeld "Kopieren aus Material" kannst du ein ähnliches Material als Referenz angeben — dessen Daten erscheinen als Vorschlagswerte und du änderst nur die Abweichungen. Aber Achtung, hier lauert ein Prüfungs-Distraktor: Vom Referenzmaterial werden nicht automatisch alle Daten übernommen, sondern nur die Vorschlagswerte der Sichten, die du auswählst und bestätigst.

Schritt 2: Sichten auswählen — und der Pflegestatus

Im ersten Dialogfenster wählst du die Sichten aus, die du pflegen willst — etwa Grunddaten, Einkauf und Lagerung für eine Handelsware. Welche Sichten überhaupt angeboten werden, hängt von der Materialart ab. Die Sichten unterteilen die Informationen des Materialstamms in logische, fachbereichsbezogene Gruppen und reduzieren so die Komplexität — genau dafür sind sie da.

Zwei Punkte aus diesem Dialog werden besonders gern abgefragt:

  • Du musst nicht alle Sichten sofort anlegen. Fehlende Sichten können jederzeit nachträglich ergänzt werden — das nennt sich Erweitern (dazu unten mehr). Die Behauptung, beim Erstanlegen müssten alle relevanten Sichten ausgewählt werden, ist ein klassischer Falsch-Distraktor.
  • Der Pflegestatus gibt Auskunft darüber, welche Sichten zu einem Material aktuell gepflegt sind. Jeder Fachbereich hinterlässt sozusagen seinen Stempel im Stammsatz.

Wenn du regelmäßig Materialien anlegst, kannst du deine Standard-Sichten im Auswahlfenster voreinstellen — das System merkt sich die Markierung für den nächsten Aufruf.

Schritt 3: Organisationsebenen angeben

Im zweiten Dialogfenster legst du fest, für welche Organisationseinheiten die Daten gelten — typischerweise Werk und Lagerort. Hier zeigt sich das Ebenenkonzept des Materialstamms:

Ebene Beispieldaten
Mandant (allgemeine Daten) Materialnummer, Kurztext (mehrsprachig), Warengruppe, Basismengeneinheit
Werk die meisten Einkaufsdaten (z. B. Einkäufergruppe), Dispositionsdaten, Bewertungsklasse, Preissteuerung
Lagerort Lagerplatz, lagerortbezogene Bestandsdaten

Daraus folgen zwei Merksätze, die in Rechenfragen stecken: Die Grunddaten legst du genau einmal pro Mandant an — auch wenn dein Unternehmen zwei Buchungskreise und fünf Werke hat. Und: Die meisten Einkaufsdaten gelten auf Werksebene — nicht alle, aber die meisten; auch diese Formulierung wird wörtlich geprüft. Vertriebsdaten haben ihre eigene Ebene (Verkaufsorganisation plus Vertriebsweg), ebenso die Lagerverwaltung (Lagernummer plus Lagertyp).

Schritt 4: Datenbilder pflegen — ein durchgespieltes Beispiel

Angenommen, du legst für den Großhandel einen Werkzeugkoffer als Handelsware an: Material TOOL-K15 (externe Nummer), Branche Maschinenbau, mit den Sichten Grunddaten, Einkauf und Lagerung für Werk 2400, Lagerort 24A0. Dann führt dich das System nacheinander durch die Datenbilder:

  • Grunddaten 1: Kurztext ("Werkzeugkoffer 15-teilig"), Basismengeneinheit ST, Warengruppe W750. Über die Drucktaste Zusatzdaten pflegst du den Kurztext in weiteren Sprachen — etwa Englisch für internationale Kollegen.
  • Einkauf: Einkäufergruppe K07, Bearbeitungszeit Wareneingang (z. B. 1 Tag) und der Einkaufswerteschlüssel — er bündelt Vorschlagswerte wie Mahnschlüssel und die Unter-/Überlieferungstoleranzen, die später im Wareneingang greifen.
  • Werksdaten/Lagerung 1: Lagerplatz R-12-03 als beschreibende Angabe für das Lagerpersonal.

Mit dem Sichern erzeugt das System den Stammsatz — und ab sofort steht das Material für Bestellungen, Wareneingänge und Bestandsführung zur Verfügung.

Noch ein Wort zu den Mengeneinheiten, weil hier eine beliebte Prüfungsfrage ansetzt: Die Basismengeneinheit (hier: Stück) ist die Einheit, in der das System Bestände führt. Soll das Material aber in Kartons bestellt werden, hinterlegst du im Materialstammsatz oder im Einkaufsinfosatz die Bestellmengeneinheit "Karton" samt Umrechnungsfaktor zur Basismengeneinheit — etwa 1 Karton = 12 Stück. Eine "variable Bestellmengeneinheit aktivieren" oder ein zweiter Stammsatz sind dafür nicht nötig.

Material erweitern: mit "anlegen", nicht mit "ändern"

Drei Monate später soll der Werkzeugkoffer auch im Werk 2600 geführt und buchhalterisch bewertet werden. Jetzt brauchst du eine Erweiterung: zusätzliche Sichten oder zusätzliche Organisationsebenen für einen bestehenden Stammsatz.

Der Stolperstein, der in der Prüfung regelmäßig Punkte kostet: Erweitert wird mit der Transaktion Material anlegen (MM01) — nicht mit "Material ändern". Die Änderungstransaktion kann nur Daten bereits vorhandener Sichten und Ebenen bearbeiten. Beim Erweitern wählst du das bestehende Material auf dem Einstiegsbild aus, markierst die neuen Sichten und gibst die neuen Organisationsebenen an — Materialart und Branche übernimmt das System automatisch aus dem vorhandenen Stammsatz. Praktisch ist das Feld "Kopieren von" im Organisationsebenen-Dialog: Damit übernimmst du die Werte des bestehenden Werks als Vorlage für das neue.

Typischer Anwendungsfall ist das Nachreichen der Buchhaltungssicht: Dort pflegst du die Bewertungsklasse (sie steuert die Kontenfindung) und die Preissteuerung — was hinter Standardpreis und gleitendem Durchschnittspreis steckt, erklärt der Artikel zur Materialbewertung.

Und falls du nachvollziehen willst, wer wann was geändert hat: Jede Änderung am Materialstammsatz wird in einem Änderungsbeleg festgehalten — einsehbar über die App Änderungsbelege anzeigen, inklusive Feld, altem und neuem Wert.

Welche Materialart für welches Material?

Zum Abschluss des Anlege-Themas die Frage, die ganz am Anfang steht: Welche Materialart wählst du? Die wichtigsten Standard-Materialarten im SAP-System:

Materialart Verwendung Besonderheit
ROH (Rohstoff) fremdbeschaffte Materialien für die Produktion Beschaffungsart fremdbezogen, keine Vertriebssicht nötig
HALB (Halbfabrikat) selbst gefertigte Zwischenprodukte eigengefertigt und fremdbezogen möglich
FERT (Fertigerzeugnis) selbst hergestellte, verkaufsfähige Produkte Beschaffungsart eigengefertigt
HAWA (Handelsware) eingekaufte und unverändert weiterverkaufte Ware Einkaufs- und Vertriebssichten
NLAG (Nichtlagermaterial) Material, das nicht gelagert werden kann oder soll weder mengen- noch wertmäßige Bestandsführung — der Wareneingang geht direkt in den Aufwand
UNBW (unbewertetes Material) geringwertige Materialien, deren Menge überwacht werden soll mengenmäßige, aber keine wertmäßige Bestandsführung

NLAG und UNBW zeigen schön, was "die Materialart steuert zusammen mit dem Werk die Bestandsführung" konkret bedeutet: Bei NLAG verzichtet das System auf Mengen- und Wertfortschreibung, bei UNBW nur auf die Wertfortschreibung. Weitere Materialarten lassen sich im Customizing definieren.

Eine Nuance für Fortgeschrittene: Fragt die Prüfung, was ausschließlich über die Materialart gesteuert wird, fallen die Sichten heraus — denn welche Bilder und Felder erscheinen, beeinflussen auch die Branche und die Feldauswahl im Customizing. Nummernvergabe, Beschaffungsart und Kontenfindungs-Steuerung bleiben dagegen Materialart-exklusiv.

Schneller pflegen: Profile, Vorlagen, Massenänderung

Für den Alltag — und als eigene Prüfungsfrage — gibt es drei Beschleuniger für die Stammdatenpflege:

  • Profile: Für die Sichten Disposition und Prognose kannst du auf dem Einstiegsbild Profile mit Vorschlagswerten angeben — wiederkehrende Dispositionsdaten musst du so nicht jedes Mal neu eintippen.
  • Sichten-Voreinstellung: Die regelmäßig gepflegten Sichten in der Sichtenauswahl als Standard markieren.
  • Massenänderung: Mehrere Materialstammsätze in einem Schritt ändern — etwa wenn 80 Materialien eine neue Einkäufergruppe bekommen.

Nicht dazu gehört übrigens die Idee, das System lege Lagerortdaten "automatisch beim ersten Wareneingang" an oder kopiere von einem Referenzmaterial "immer alle Daten" — beides sind Falsch-Optionen aus echten Fragestellungen.

Warum das Anlegen von Materialien prüfungsrelevant ist

Materialstammdaten gehören im offiziellen Leitfaden zur UC_MM_S42023 zu den Kernthemen — und die Fragen zielen selten auf das Klicken, sondern auf das Verständnis der Steuerung dahinter. Typische Fragestellungen:

  • Frage: Müssen beim Erstanlegen alle relevanten Sichten ausgewählt werden? (Nein — Sichten können jederzeit nachträglich ergänzt werden; der Pflegestatus zeigt, welche Sichten gepflegt sind)
  • Frage: Was steuert die Materialart? (U. a. die Art der Nummernvergabe, die zum Erfassen vorgeschlagenen Sichten und die zulässige Beschaffungsart — nicht den Lagerort und nicht die Ebene der Materialbewertung)
  • Frage: Welche Beschaffungsarten werden über die Materialart gesteuert? (Eigengefertigt und fremdbezogen)
  • Frage: Kann die Branche nach dem Anlegen geändert werden? (Nein — sie ist endgültig)
  • Frage: Was gilt für die externe Nummernvergabe? (Die Materialnummer kann aus Buchstaben und Ziffern bestehen)
  • Frage: Basismengeneinheit ist Stück, bestellt werden soll in Kartons — was ist zu pflegen? (Die Bestellmengeneinheit samt Umrechnungsfaktor im Materialstammsatz oder Einkaufsinfosatz)
  • Frage: Welche Materialart eignet sich für Material, das nicht gelagert werden soll? (NLAG — Nichtlagermaterial)
  • Frage: Zwei Buchungskreise, fünf Werke — wie oft legst du die Grunddaten an? (Einmal, denn sie gelten pro Mandant)
  • Frage: Du willst ein Material um die Buchhaltungssicht erweitern — ändern oder anlegen? (Anlegen: Erweiterungen laufen über die Anlege-Transaktion MM01)

Fazit

Material anlegen heißt: drei Grundsatzentscheidungen auf dem Einstiegsbild (Materialart, Branche, Nummernvergabe), Sichten und Organisationsebenen bewusst wählen, Datenbilder fachgerecht füllen — und später per Erweiterung wachsen lassen. Wer versteht, was die Materialart steuert, warum die Branche endgültig ist und wieso Erweitern über die Anlege-Transaktion läuft, beantwortet einen ganzen Fragenblock der MM-Zertifizierung aus dem Stand.

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