Materialbewertung in SAP MM: Standardpreis vs. gleitender Durchschnittspreis (UC_MM)
Wenn du dich auf die SAP Material Management Anwenderzertifizierung (UC_MM_S42023) vorbereitest, ist die Materialbewertung einer der konzeptuell anspruchsvollsten Themenblöcke. Sie verbindet die operative Welt der Bestandsführung (Wareneingang, Warenausgang) mit der Finanzbuchhaltung (Bestandskonten, Preisdifferenzen, WE/RE-Verrechnungskonto). Wer die Buchungslogik versteht, beantwortet einen großen Teil der Bewertungsfragen automatisch richtig.
Aus über 250 Comcave-Teilnehmern in meinen MM-Kursen weiß ich: dieses Thema sortiert die Teilnehmer. Wer es einmal sauber verstanden hat, bekommt es nie wieder durcheinander. Ich gehe deshalb anhand eines konkreten Zahlenbeispiels durch — ganz so, wie ich es im Kurs auch mache.
Was du laut Zertifizierungsleitfaden wissen musst
Aus dem offiziellen Leitfaden UC_MM_S42023 (Version 12/2024 V24.01):
- Buchungscode: UC_MM_S42023
- Softwarekomponente: SAP S/4HANA 2023
- 60 Fragen, 90 Minuten
- Bestehensgrenze: 55 % | mit Auszeichnung: 75 %
- 5 Jahre gültig
Themengebiete-Gewichtung:
- Bestellabwicklung — über 20 % (+++) der Fragen
- Bezugsquellenfindung — 11-20 % (++)
- Stammdaten — 11-20 % (++)
- Grundlagen — 11-20 % (++)
- Materialbestandbewertung — 1-10 % (+)
- Freigabeverfahren — 1-10 % (+)
- Verbrauchsmaterial — 1-10 % (+)
Die Materialbewertung selbst ist als Themenblock mit 1-10 % gewichtet — aber das Wissen darüber spielt indirekt in fast jede Frage zur Bestellabwicklung mit hinein, weil jeder Wareneingang und jede Rechnung die Bewertungslogik triggert.
Was ist Materialbewertung?
Die Materialbewertung bestimmt, mit welchem Wert ein bestandsführendes Material in der Bilanz erscheint. Bei jedem Wareneingang, Warenausgang oder jeder Umbuchung wird ein Materialbeleg erzeugt — und wenn der Vorgang bewertungsrelevant ist, zusätzlich ein Buchhaltungsbeleg.
Materialbeleg vs. Buchhaltungsbeleg
Das wichtigste Konzept zuerst: SAP trennt zwei Welten — Bestand und Wert.
- Der Materialbeleg dokumentiert die physische Bewegung: was wurde wann, wieviel, von wo nach wo bewegt?
- Der Buchhaltungsbeleg dokumentiert die wertmäßige Auswirkung: welche Sachkonten werden bebucht, mit welchen Beträgen?
Beide Belege werden gleichzeitig erzeugt, sind aber eigenständig — der Materialbeleg über Materialbelegnummer + Materialbelegjahr identifiziert, der Buchhaltungsbeleg über Buchungskreis + Buchhaltungsbelegnummer + Geschäftsjahr.
Wann ist eine Warenbewegung bewertungsrelevant?
Eine Warenbewegung ist bewertungsrelevant, wenn die Finanzbuchhaltung davon betroffen ist — also wenn sich der Bestandswert in der Bilanz ändert.
- Bewertungsrelevant: jeder externe Wareneingang (Bestand steigt → Umlaufvermögen steigt), Warenausgang an Kunde, Verschrottung, Verbrauchsbuchung auf Kostenstelle.
- Nicht bewertungsrelevant: reine Umlagerung innerhalb desselben Werks — z.B. von Lagerort 0001 nach Lagerort 0002 in Werk 1010. Der Bestand bleibt im selben Buchungskreis, nur die Lokation ändert sich.
Diese Unterscheidung ist klassischer Prüfungs-Stoff: „Welche der folgenden Vorgänge erzeugt einen FI-Beleg?" → genau die, bei denen sich der Bestandswert auf Buchungskreisebene ändert.
Aufbau eines Beleg-Paares
Konkretes Beispiel für einen Wareneingang von 1 Stück Material:
- Materialbeleg: Belegnummer 500000757, Datum 06.11.2023, Lieferschein DN-1147 — Position mit Menge 1, Material, Werk 1010, Bewegungsart 101 (WE zur Bestellung).
- Buchhaltungsbeleg: Belegnummer 5000000642, gleiches Datum, Währung EUR — Positionen z.B. Bestandskonto 300010 mit 75+ EUR (Soll) und WE/RE-Verrechnungskonto 191100 mit 75- EUR (Haben).
Wichtig: der Buchungskreis des Buchhaltungsbelegs wird automatisch aus dem Werk abgeleitet, in dem die Warenbewegung stattfindet. Werk → Buchungskreis-Ableitung kommt in der Prüfung gerne als Frage.
Belege bei der Rechnungsprüfung
Auch in der Logistik-Rechnungsprüfung entstehen Beleg-Paare: ein MM-Beleg (Rechnungsbeleg) plus ein FI-Beleg (Buchhaltungsbeleg). Diese vier Vorgänge erzeugen Beleg-Paare:
- Rechnung
- Gutschrift
- Nachträgliche Belastung
- Nachträgliche Entlastung
Sprich: jeder Vorgang in der Logistik-Rechnungsprüfung schlägt sich automatisch in der Buchhaltung nieder.
Preissteuerung: Standardpreis (S) vs. Gleitender Durchschnittspreis (V)
Im Materialstammsatz (Sicht Buchhaltung 1) gibt es ein zentrales Steuerfeld: die Preissteuerung. Sie kann zwei Werte annehmen:
- S — Standardpreis — der Materialwert wird mit einem festen Preis bewertet, der konstant über das Geschäftsjahr bleibt. Preisdifferenzen zwischen Standardpreis und Bestellpreis bzw. Rechnungspreis landen auf einem separaten Preisdifferenzen-Konto.
- V — Gleitender Durchschnittspreis — der Materialwert wird bei jedem bewertungsrelevanten Vorgang neu berechnet als gewichteter Durchschnitt aus Bestand und Zugang. Hier gibt es in der Regel keine Preisdifferenzen-Buchungen, weil der Preis immer dem aktuellen Bewertungspreis entspricht.
Welche Steuerung wann verwendet wird, ist eine bilanzpolitische Entscheidung — typischerweise:
- Standardpreis (S) für Halbfertig- und Fertigerzeugnisse aus Eigenproduktion und für Materialien mit stabilen Einkaufspreisen
- Gleitender Durchschnittspreis (V) für Rohstoffe und Handelswaren, deren Einkaufspreise stark schwanken
Trainer-Tipp: In der Prüfung wird oft das Standardpreis-Szenario abgefragt, weil dort die Buchungslogik am klarsten sichtbar ist — gleich folgt das durchgerechnete Beispiel.
Standardpreis-Szenario — Schritt für Schritt durchgerechnet
Ich zeige dir die komplette Logik anhand eines Zahlenbeispiels, das ich auch im Kurs verwende.
Ausgangssituation
Materialstammsatz, Bewertungsdaten:
- Anfangsbestand: 100 Stück
- Gesamtwert: 200,00 €
- Standardpreis: 2,00 € pro Stück
Geplant: Wareneingang von 100 Stück zu einem Bestellpreis von 2,40 €, danach Rechnungseingang von 100 Stück zu einem Rechnungspreis von 2,20 €.
Schritt 1 — Wareneingang buchen
Nach dem Wareneingang werden im Materialstammsatz folgende Werte fortgeschrieben:
- Bestand: 200 Stück (100 alt + 100 neu)
- Gesamtwert: 400,00 € (200 alt + 200 neu zum Standardpreis)
- Standardpreis: bleibt 2,00 € — und genau das ist der Kerngedanke der S-Steuerung
Die Logik dahinter: das Bestandskonto bewegt sich ausschließlich zum Standardpreis. Die Differenz zwischen Bestellpreis und Standardpreis wird in ein eigenes Preisdifferenzen-Konto gebucht.
Konkret in den FI-Konten (Buchhaltungsbeleg):
- Bestandskonto: +200 € (= 100 Stück × 2,00 € Standardpreis)
- WE/RE-Verrechnungskonto: +240 € (= 100 Stück × 2,40 € Bestellpreis)
- Aufwand aus Preisdifferenzen: +40 € (= Differenz 2,40 − 2,00 € × 100 Stück)
Du siehst: das Bestandskonto bewegt sich nur mit dem Standardpreis, nie mit dem Bestellpreis. Das ist der Kerngedanke der S-Steuerung.
Schritt 2 — Rechnungseingang buchen
Nach Buchung des Rechnungseingangs (100 Stück zu 2,20 € statt der bestellten 2,40 €):
- Bestand: bleibt 200 (Rechnung ändert die Menge nicht)
- Gesamtwert: bleibt 400,00 €
- Standardpreis: bleibt 2,00 €
Beim Rechnungseingang wird das WE/RE-Verrechnungskonto zum Bestellpreis ausgeglichen, das Kreditorenkonto zum Rechnungspreis fortgeschrieben — und die Differenz auf das Preisdifferenzen-Konto gebucht. Eine Änderung des Gesamtbestandswerts erfolgt nicht.
Konkret in den FI-Konten:
- WE/RE-Verrechnungskonto: −240 € (Ausgleich des Wareneingangs zum Bestellpreis)
- Lieferantenkonto (Kreditor): +220 € (= 100 × 2,20 € Rechnungspreis)
- Ertrag aus Preisdifferenzen: +20 € (= Differenz 2,40 − 2,20 € × 100 Stück)
Aus dem Beispiel ergeben sich also zwei verschiedene Preisdifferenzen-Konten: Aufwand aus Preisdifferenzen beim Wareneingang (Bestellpreis > Standardpreis) und Ertrag aus Preisdifferenzen beim Rechnungseingang (Rechnungspreis < Bestellpreis). In der Praxis sind das oft Sachkonten 520xxxx bzw. 521xxxx aus dem deutschen SKR03/04.
Das WE/RE-Verrechnungskonto — der zentrale Mittler
Das WE/RE-Verrechnungskonto (englisch GR/IR-Account) ist eines der wichtigsten Konten in der MM-Bewertung. Seine Funktion:
- Beim Wareneingang wird Bestellpreis × Menge dort gebucht (Haben-Position)
- Beim Rechnungseingang wird derselbe Betrag wieder ausgeglichen (Soll-Position)
- Solange Wareneingang gebucht, aber Rechnung noch nicht eingegangen ist: offener Saldo = noch nicht abgerechnete Wareneingänge
- Umgekehrt: Rechnung gebucht, Ware aber noch nicht eingegangen: offener Saldo (mit umgekehrtem Vorzeichen) = noch nicht eingegangene Lieferungen
Das Konto ist bilanzrelevant und wird zum Bilanzstichtag analysiert: was ist alt unverrechnet, was ist regulär, wo gibt es offene Posten zum Klären. In jeder Periodenabschluss-Klärung gehört der WE/RE-Saldo zur Pflichtaufgabe.
Konkretes Übungsbeispiel — Feuerlöscher
Ein zweites Beispiel mit anderen Zahlen, damit die Logik sitzt — diesmal ist der Bestellpreis niedriger als der Standardpreis.
Ausgangsdaten (Materialstammsatz Sicht „Buchhaltung 1")
- Material: Feuerlöscher
- Werk: 1010 (Hamburg)
- Preissteuerung: S
- Gesamtbestand: 0 ST
- Standardpreis: 180,00 €
- Bestandswert: 0,00 €
Bestellpreis aus dem Einkaufsinfosatz
Bestellnettopreis: 135 € je Stück (Bruttopreis 150 € − 10 % Rabatt RA01).
Wareneingang von 10 Stück
Buchungen beim Wareneingang (typische Sachkonten):
- 13600000 Bestand: +1.800 € (Soll, = 10 × 180 € Standardpreis)
- 21120000 WE/RE-Verrechnungskonto: −1.350 € (Haben, = 10 × 135 € Bestellpreis)
- 52541000 Preisdifferenzen: −450 € (Haben, = Differenz 180 − 135 = 45 € × 10 Stück)
Hier ist der Bestellpreis niedriger als der Standardpreis → Ertrag aus Preisdifferenzen (Haben-Buchung). Im vorherigen Beispiel war es umgekehrt — Bestellpreis > Standardpreis → Aufwand. Beide Richtungen kommen in der Prüfung vor.
Preisfindung im Einkauf — wie der Bestellpreis entsteht
Die Preisfindung beim Anlegen eines Einkaufsbelegs läuft hierarchisch: SAP sucht vom Speziellen zum Allgemeinen.
Wichtige Ausnahme vorab: in der Bestellung wird nicht der Bewertungspreis aus dem Materialstammsatz als Bestellpreis vorgeschlagen. Stattdessen läuft die folgende Suche:
- Beim Anlegen einer Bestellung sucht das System zunächst nach einem Infosatz zur Kombination Lieferant/Material auf der Ebene Einkaufsorganisation/Werk.
- Gibt es keine speziellen Daten für die Kombination Einkaufsorganisation/Werk, wird auf der Ebene der Einkaufsorganisation gesucht.
- Wenn auf dieser Ebene ebenfalls keine Daten vorhanden sind, musst du den Preis manuell eingeben.
Existiert ein Einkaufsinfosatz, haben gültige Konditionen Vorrang. Enthält der Infosatz keine oder nur ungültige Konditionen, liest das System die Nummer des letzten Einkaufsbelegs aus dem Infosatz und schlägt den Preis aus diesem Beleg vor.
Weil das Thema eng mit der Bezugsquellenfindung verknüpft ist, lies bei Bedarf auch unseren Artikel Bezugsquellenfindung in SAP MM.
Was Anwender konkret im Job tun
Die Preissteuerung (S oder V) und die Konfiguration der Bewertungs-Sachkonten ist Aufgabe des Customizings und der Buchhaltung — nicht des einzelnen MM-Anwenders. Aber als Einkäufer oder Disponent siehst du die Wirkung jeden Tag:
- Wenn du einen Wareneingang buchst, sind die Buchhaltungs-Buchungen automatisch — du musst nichts tun, das System rechnet.
- Wenn du eine Rechnung mit Abweichung bekommst (z.B. höherer Preis als bestellt), siehst du im Rechnungsbeleg die Preisdifferenz, die das System auf das entsprechende Konto bucht.
- Wenn ein Material plötzlich einen komischen Bestandswert hat, lohnt sich der Blick in die Materialbeleg-Übersicht und den verknüpften Buchhaltungsbeleg.
- Wenn ein WE/RE-Saldo lange offen bleibt, ist das ein Indikator für nicht eingegangene Lieferungen oder fehlende Rechnungen — typische Aufgabe für den Periodenabschluss.
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Offizielle Quelle
Die Inhalte dieses Artikels beziehen sich auf die offizielle SAP-Zertifizierung (UC_MM_S42023). Den verbindlichen, aktuellen Stand – Prüfungsaufbau, Themen und Voraussetzungen – findest du direkt bei SAP:
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