Standardpreis vs. gleitender Durchschnittspreis in SAP — Preissteuerung S und V durchgerechnet
Ein einziges Feld im Materialstammsatz entscheidet darüber, wie SAP jeden Wareneingang und jede Rechnung bewertet: die Preissteuerung. Steht dort ein S, bleibt der Materialpreis fix und Abweichungen landen auf einem Preisdifferenzkonto. Steht dort ein V, wandert der Preis mit jeder Buchung. Dieser Unterschied ist nicht nur Bilanzpolitik — er ist einer der am häufigsten geprüften Stoffe der SAP MM Anwenderzertifizierung (UC_MM_S42023), weil sich daran die komplette Buchungslogik zwischen Materialwirtschaft und Finanzbuchhaltung aufhängt.
Die Grundlagen der Materialbewertung — Materialbeleg, Buchhaltungsbeleg und das WE/RE-Verrechnungskonto — setzt dieser Artikel voraus; sie sind im Artikel zur Materialbewertung in SAP MM erklärt. Hier gehen wir tiefer: Wir rechnen denselben Geschäftsvorfall einmal mit S und einmal mit V durch, schauen uns die T-Konten an und klären die Fälle, in denen auch der gleitende Durchschnittspreis plötzlich auf ein Preisdifferenzkonto bucht. Du lernst:
- wo die Preissteuerung im Materialstamm sitzt und auf welcher Ebene sie gilt
- wie sich S und V beim Wareneingang unterscheiden
- was beim Rechnungseingang mit Preisabweichung passiert — der eigentliche Knackpunkt
- wann auch der V-Preis Preisdifferenzen bucht (Stichwort Bestandsdeckung)
- wie ungeplante Bezugsnebenkosten je Preissteuerung verbucht werden
- welche fünf Distraktoren in der Prüfung immer wieder auftauchen
Preissteuerung S und V: ein Feld, zwei Welten
Die Preissteuerung pflegst du in der Buchhaltungssicht des Materialstammsatzes. Sie ist ein werksspezifisches Datum — genauer: Sie gilt auf Ebene des Bewertungskreises, der im Customizing entweder auf Werks- oder auf Buchungskreisebene festgelegt wird. Diese Festlegung ist eine grundlegende Einstellung, die sich nur schwer rückgängig machen lässt.
- Standardpreis (S): Alle Bestandsbuchungen erfolgen zu dem fest im Materialstamm hinterlegten Standardpreis. Weicht ein Wareneingangs- oder Rechnungspreis davon ab, wird die Differenz auf ein Preisdifferenzenkonto gebucht — die Bestandsbewertung selbst bleibt unberührt.
- Gleitender Durchschnittspreis (V): Der Materialpreis wird bei jedem bewertungsrelevanten Vorgang neu berechnet. Die Formel ist denkbar einfach:
gleitender Durchschnittspreis = Gesamtbestandswert ÷ Gesamtbestandsmenge
Merke dir die Reihenfolge: Wert geteilt durch Menge. Die in Prüfungen beliebte Umkehrung „Menge geteilt durch Wert" ist ein klassischer Distraktor. Und nur diese beiden Verfahren existieren in SAP — LIFO, FIFO, Markt- oder Handelspreis sind keine Bewertungsverfahren der Preissteuerung.
Das Vergleichsbeispiel: eine Bestellung, zwei Werke
Damit der Unterschied greifbar wird, buchen wir denselben Geschäftsvorfall parallel — einmal in einem Werk mit Preissteuerung S, einmal in einem Werk mit V. Ausgangslage für beide:
- Anfangsbestand: 60 ST des Materials PUMP-S30, Bewertungspreis 10,00 EUR → Gesamtwert 600,00 EUR
- Wareneingang zu einer Bestellung: 60 ST, Bestellpreis 16,00 EUR
- Rechnungseingang: 60 ST, Rechnungspreis 15,00 EUR
Drei Preise, die auseinanderlaufen — Stammpreis 10, Bestellpreis 16, Rechnungspreis 15. Genau an solchen Abweichungen zeigt sich der Charakter der beiden Verfahren.
Wareneingang bei Preissteuerung S
Beim bewerteten Wareneingang bucht das System den Bestandszugang zum Standardpreis — nicht zum Bestellpreis. Die Differenz zum Bestellpreis fängt ein Preisdifferenzenkonto auf:
| Konto | Soll | Haben |
|---|---|---|
| Bestandskonto (60 ST × 10,00 Standardpreis) | 600,00 | |
| Aufwand aus Preisdifferenzen | 360,00 | |
| WE/RE-Verrechnungskonto (60 ST × 16,00 Bestellpreis) | 960,00 |
Ergebnis: Der Bestand steigt auf 120 ST, der Bestandswert auf 1.200,00 EUR — und der Standardpreis bleibt bei 10,00 EUR (1.200 ÷ 120). Das ist der Kerngedanke der S-Steuerung: Das Bestandskonto bewegt sich nur mit dem Standardpreis, nie mit dem Bestellpreis.
Wareneingang bei Preissteuerung V
Beim gleitenden Durchschnittspreis bewertet das System den Wareneingang zur Bestellung dagegen zum Bestellpreis. Kein Preisdifferenzkonto — die ganze Bewegung läuft über das Bestandskonto:
| Konto | Soll | Haben |
|---|---|---|
| Bestandskonto (60 ST × 16,00 Bestellpreis) | 960,00 | |
| WE/RE-Verrechnungskonto | 960,00 |
Jetzt rechnet das System den Durchschnittspreis neu: Der Bestand steigt auf 120 ST, der Wert auf 600 + 960 = 1.560,00 EUR. Daraus ergibt sich ein neuer gleitender Durchschnittspreis von 1.560 ÷ 120 = 13,00 EUR. Der Preis ist also von 10,00 auf 13,00 EUR „gewandert" — daher der Name.
Eine Feinheit, die als Distraktor auftaucht: Es heißt nicht, dass alle Warenbewegungen pauschal zum bisherigen Durchschnittspreis gebucht werden. Der Wareneingang zur Bestellung wird zum Bestellpreis bewertet (und schreibt damit den Durchschnitt erst fort); nur andere Bewegungen laufen zum aktuellen Durchschnittspreis.
Rechnungseingang mit Preisabweichung — der eigentliche Unterschied
Jetzt kommt die Rechnung über 60 ST zu je 15,00 EUR — also 1,00 EUR unter dem Bestellpreis. Beim Rechnungseingang wird zunächst das WE/RE-Verrechnungskonto wieder ausgeglichen (zum ursprünglichen Bestellpreis), und für die Differenz trennen sich die Wege:
Preissteuerung S:
| Konto | Soll | Haben |
|---|---|---|
| WE/RE-Verrechnungskonto (60 ST × 16,00) | 960,00 | |
| Kreditor (60 ST × 15,00 Rechnungspreis) | 900,00 | |
| Ertrag aus Preisdifferenzen | 60,00 |
Die Differenz von 60,00 EUR geht auf ein Preisdifferenzenkonto. Der Bestandswert bleibt unverändert bei 1.200,00 EUR, der Standardpreis bei 10,00 EUR.
Preissteuerung V:
| Konto | Soll | Haben |
|---|---|---|
| WE/RE-Verrechnungskonto (60 ST × 16,00) | 960,00 | |
| Kreditor (60 ST × 15,00 Rechnungspreis) | 900,00 | |
| Bestandskonto | 60,00 |
Beim V-Preis korrigiert die Differenz direkt das Bestandskonto: Der Bestandswert sinkt von 1.560 auf 1.500,00 EUR, der gleitende Durchschnittspreis von 13,00 auf 1.500 ÷ 120 = 12,50 EUR. Genau hier liegt der prüfungsrelevante Kern: Dieselbe Rechnung, dieselbe Abweichung — beim Standardpreis landet sie auf der Erfolgsrechnung, beim gleitenden Durchschnittspreis im Bestand.
Wann auch der V-Preis auf Preisdifferenzen bucht: Bestandsdeckung
Es klingt nach einer festen Regel — „V bucht immer auf den Bestand" —, aber sie hat eine wichtige Ausnahme. Die Differenz kann nur dann den Bestandswert korrigieren, wenn genügend Bestand vorhanden ist (Bestandsdeckung). Ist die bewertete Bestandsmenge zum Zeitpunkt der Rechnung kleiner als die berechnete Menge, fehlt die Deckung — und der nicht gedeckte Anteil der Differenz wird auf ein Preisdifferenzenkonto gebucht.
Ein Beispiel: Nach dem Wareneingang liegen 120 ST im Lager. Bevor die Rechnung kommt, entnimmt die Produktion 90 ST — es bleiben 30 ST. Nun trifft die Rechnung über 60 ST ein. Für die durch den Bestand gedeckten 30 ST korrigiert die Preisdifferenz den gleitenden Durchschnittspreis; für die nicht gedeckten 30 ST wandert sie auf das Preisdifferenzenkonto. Dieselbe Logik greift bei einer nachträglichen Belastung (Nachbelastung), deren Menge den bewerteten Bestand übersteigt.
Das ist die Antwort auf eine der trickreichsten MC-Fragen des Moduls — und der Grund, warum die pauschale Aussage „beim gleitenden Durchschnittspreis gibt es nie Preisdifferenzen" falsch ist.
Ungeplante Bezugsnebenkosten: gleiche Rechnung, zwei Buchungen
Ein Paradebeispiel für den S/V-Unterschied sind ungeplante Bezugsnebenkosten — etwa eine Frachtpauschale, die erst auf der Rechnung auftaucht und beim Bestellen noch nicht bekannt war. Nimm an, auf der Rechnung stehen zusätzlich 80,00 EUR Fracht:
- Preissteuerung S: Die 80,00 EUR gehen auf ein Preisdifferenzenkonto. Der Materialstamm bleibt unberührt — der Standardpreis ändert sich nicht.
- Preissteuerung V: Die 80,00 EUR erhöhen bei ausreichender Bestandsdeckung den Bestandswert — und damit steigt der gleitende Durchschnittspreis erneut.
Bei der Erfassung selbst hast du für ungeplante Bezugsnebenkosten mehrere Optionen: Du kannst sie anteilig im Verhältnis der Rechnungspositionen verteilen, über die Regeln eines BAdI steuern oder auf ein separates Hauptbuchkonto buchen. Davon abzugrenzen sind geplante Bezugsnebenkosten (etwa vereinbarte Fracht- oder Zollkosten): Sie sind schon in der Bestellung hinterlegt und gehen bereits beim Wareneingang in die Materialbewertung ein.
Welche Preissteuerung wann — und fünf Prüfungsfallen
Welche Steuerung sinnvoll ist, ist eine bilanzpolitische Entscheidung. In der Praxis gilt als Faustregel: Standardpreis (S) für selbst gefertigte Halb- und Fertigerzeugnisse sowie für Materialien mit stabilen Preisen — er macht Kalkulationsabweichungen sichtbar. Gleitender Durchschnittspreis (V) für fremdbeschaffte Rohstoffe und Handelswaren mit schwankenden Einkaufspreisen, weil der Bestandswert dann stets den realen Beschaffungskosten folgt.
Die fünf Fallen, auf die die UC_MM_S42023 immer wieder zielt:
- Falsche Verfahren: LIFO und FIFO sind keine Optionen der Preissteuerung. Nur S und V.
- Umgekehrte Formel: Der gleitende Durchschnittspreis ist Gesamtwert ÷ Gesamtmenge — nicht umgekehrt.
- V-Aussage, die eigentlich S beschreibt: „Weicht der Bestellpreis ab, wird die Differenz beim Wareneingang auf ein Preisdifferenzkonto gebucht" — das gilt für S, nicht für V.
- Bewertungsklasse ≠ Bewertungsverfahren: Die Bewertungsklasse steuert die Kontenfindung (welches Bestandskonto), nicht, nach welchem Verfahren bewertet wird. Das Verfahren bestimmt allein die Preissteuerung.
- Unbewerteter Wareneingang: Bei einem unbewerteten Wareneingang findet keine Neubewertung statt — der gleitende Durchschnittspreis wird dabei nicht neu berechnet.
Warum die Preissteuerung prüfungsrelevant ist
Die Materialbewertung ist die Brücke zwischen Logistik und Rechnungswesen — und die Preissteuerung ist ihr Herzstück. Typische Fragestellungen aus dem Prüfungspool:
- Frage: Mit welchen Verfahren findet in SAP die Materialbewertung statt? (Standardpreis und gleitender Durchschnittspreis)
- Frage: Auf welches Konto wird beim Material mit gleitendem Durchschnittspreis eine Preisdifferenz wie eine ungeplante Bezugsnebenkostenbuchung gebucht? (Auf das Bestandskonto)
- Frage: Was sind Merkmale des gleitenden Durchschnittspreises? (Er ist Gesamtbestandswert ÷ Gesamtbestandsmenge; bei einer Nachbelastung ohne ausreichende Bestandsdeckung wird ein Preisdifferenzkonto bebucht)
- Frage: Auf welchen Ebenen ist eine Materialbewertung möglich? (Werk oder Buchungskreis)
- Frage: Wird bei einem Wareneingang mit Standardpreis der Standardpreis an den Bestellpreis angepasst? (Nein — die Differenz geht auf ein Preisdifferenzenkonto, der Standardpreis bleibt fix)
Fazit
Standardpreis und gleitender Durchschnittspreis sind zwei Antworten auf dieselbe Frage: Was passiert mit einer Preisabweichung? Beim Standardpreis (S) bleibt der Materialwert fix, jede Differenz fließt auf ein Preisdifferenzenkonto und damit in die Erfolgsrechnung. Beim gleitenden Durchschnittspreis (V) wandert die Differenz in den Bestand und verändert den Preis — außer der Bestand reicht nicht zur Deckung, dann bucht auch V auf Preisdifferenzen. Wer diesen einen Mechanismus verstanden hat, beantwortet die halbe Bewertungsfragen-Sektion der MM-Zertifizierung sicher.
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